Masse statt Klasse
23 Nov 2025
Hallo Zusammen!
Kürzlich kam die vierte Staffel der Netflix-Adaption von “The Witcher” heraus und ich – als großer Sympathisant des Witcher-Universums – hatte zugegebenermaßen bereits seit der Ankündigung, dass der Witcher-Nerd Henry Cavill nicht mehr die Rolle von Geralt von Riva spielen würde, Bedenken, was die Qualität der neuen Staffel angeht. Cavill hatte seine Rolle abgegeben, da u.a. er sich entgegen den Produzenten an die Vorlage der Bücher halten wollte.
Nachdem ich mich mit einiger Überwindung dann endlich durch die Staffel gekämpft hatte, muss ich feststellen, dass diese Bedenken berechtigt waren und ich mich der Kritik von Sebastian Lindschulte absolut anschließen kann.
Zugegebenermaßen war ich auch nicht überrascht, da selbst mir – der nicht so tief im Serien-Thema drinsteckt – bekannt ist, dass Netflix’ Serien nicht immer die besten Kritiken abbekommen. Dass die Produzenten die Handlung aber absichtlich vereinfachten, um mehr Konsumenten dafür zu generieren, ist aus meiner Sicht einfach der falsche Weg (Quelle: NME).
"... these simplifications not only make sense, they are necessary." - Tomek Baginski, executive producer
Darüber hinaus halte ich die Begründung, dass vor allem die TikTok-Generation über eine nicht ausreichende Aufmerksamkeitsspanne für komplexe Handlungsstränge verfügt, für eine Bankrotterklärung gegenüber den neuen, schnellen Formaten (Quelle: The Daily Express US).
"The higher level of nuance and complexity will have a smaller range, it won't reach people" - Tomek Baginski, executive producer
Dinge, die ich (wieder) lernte
Als ich die Kritik auf mich wirken und meine Gedanken schweifen ließ, wurden mir einige Dinge (wieder) klar.
Inhalt > Verpackung
Gerade die Figur Geralt von Riva verkörpert in den Spielen und auch in den ersten Staffeln der Serie nicht nur einen kalten, seelisch und gedanklich leeren Monsterjäger, sondern auch jemanden, der stets seine Taten hinterfragt, einen inneren Kompass besitzt und einem Kredo folgt. Genau das hebt das Witcher-Universum von Actionfilmreihen wie Machete ab, verleiht diesem eine andere Perspektive und hinterlässt tiefere Spuren, die man auch nach dem Abschalten des Wiedergabegerätes behält. Andere Beispiele für solche Filme sind Fight Club, Peaceful Warrior oder auch Coach Carter – jedenfalls haben diese Filme mich länger gefesselt und es lohnt sich diese ein zweites Mal anzuschauen. Geralt hat in der aktuellen Staffel sämtlichen Tiefgang und Charakter abgelegt und “glänzt” nur in zwei Kampfszenen und bietet nur dort einen Mehrwert für die Geschichte - von seinem Intellekt keine Spur und die Wahrscheinlichkeit, dass ich die Staffel nochmal anschauen werde, geht gegen Null.
Infotainment > Entertainment
Die Kinopreise mögen vielleicht auch ihre Aktien daran haben, dass ich Jahre nicht mehr im Kino war, aber nicht nur mir fällt auf, dass Filme immer aktiongeladener werden, was zumeist auf Kosten der Geschichte geht. In Zeiten zunehmender technologischer und gesellschaftlicher Komplexität erscheint TV-Unterhaltung zunehmend flacher und erfährt in Qualitätsformaten wie “Too Hot to Handle” oder “Das Dschungelcamp” ihr Crescendo. Diese Entwicklung sehe ich nicht nur bei The Witcher, sondern in vielen Mainstream-Produktionen abseits von Netflix: Unterhaltung wird vereinfacht, um ein möglichst breites Publikum zu erreichen – oft zulasten des Inhalts. Dass Unterhaltung auch eine Brise Anspruch haben kann, zeigen verschiedenste private Podcasts oder auch ältere Filme, wie Matrix, Königreich der Himmel oder Last Samurai, welche auch keine trockenen Vorlesungen sind, sondern Entertainment mit ein paar Gedankengängen vereinen.
Authentizität > Massentauglichkeit
Durch die Adaption der ursprünglichen Geschichte an den gegenwärtigen Zeitgeist verliert die Serie den Charme, den die Bücher, die Videospiele und auch die ersten beiden Staffeln sich erarbeitet haben. Das ist ein Phänomen, was sich nicht nur in Fernseh-, sondern u.a. auch in der Buchbranche erkennen lässt. Auch dort wird Hypes hinterhergejagt und es kommt der Anschein auf, dass alle neu veröffentlichten Bücher einer Sparte die billige Kopie der Anderen sind, um möglichst viele Käufer zu finden. Beim Versuch Interessierte an das Genre zu fesseln, wird genau das Gegenteil erreicht. Anstatt wieder neue, besondere Handlungsstränge zu pushen, werden Titel veröffentlicht, welche nichts Besonderes mehr sind und das Thema zunehmend auslutschen.
Abschließende Gedanken
Zum Schluss bleibt für mich festzustellen, dass die Zeit reif ist, dem Zuschauer auch etwas mehr Klasse zuzutrauen und neben dem Entertainment auch der ein oder andere Denkanstoß gegeben werden kann. Viele alte Geschichten und Märchen für Kinder enden schließlich auch mit dem Satz: “Und die Moral von der Geschicht – …”.
Abschließend möchte ich mich wieder für deine Zeit bedanken, die du investiert hast, um bis hierhin zu lesen. Lass mich gerne wissen, was du über die aktuelle Unterhaltungsindustrie denkst und hinterlasse einen Eintrag im Kommentarbereich.
Beste Grüße, Maik
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